Enermax: Wann hast du mit Overclocking angefangen? Wie bist du zum Overclocking gekommen?
Massman: Ich fing an mit Overclocking nachdem ich mir vor acht Jahren meinen ersten Desktop-Computer angeschafft habe. Damals hatte ich nicht das Geld, um mir High-end-Komponenten zu leisten. So musste ich mich mit einem Athlon XP 2600+ und einer Geforce3 Ti200 begnügen. Im Gegensatz zu vielen anderen Overclockern war mein Ziel beim Overclocking nicht, meinen PC für die bestmögliche Spielleistung zu trimmen, sondern die höchste FPS* bei 3DMark01 zu erzielen. Das war die populärste 3D-Benchmark, die zu diesem Zeitpunkt erhältlich war. Sehr früh war ich in Overclocking-Foren aktiv und hatte so die Gelegenheit mich mit Leuten zu messen, die mit derselben Hardware arbeiteten wie ich. Der Wettkampf selbst war und ist noch immer der wichtigste Anreiz für mich, auf neue Plattformen aufzuspringen und zu testen.
*FPS: Frames per second – Maß für die Bildfrequenz
E: Du hast beim Europa-Finale des GOOC 2009 gezeigt, dass du aktuell zu den besten Overclockern der Welt gehörst. Was sind deine Grundprinzipien beim Overclocking?
M: Um es vorwegzunehmen: Es gibt keine perfekte Overclocking-Methode. Ich habe im Laufe der Zeit immer neue international erfolgreiche Overclocker kennen gelernt und live beim Overclocken beobachten können. Dabei ist mir aufgefallen, dass jeder seine eigene Methode hat, um die höchste Leistung aus seinem System herauszuholen. Einige verwenden Stunden um die Kühlleistung zu perfektionieren, andere werden verrückt, sobald sie neue Hardware für ihr System erhalten. Sogar die Reihenfolge, in der Overclocker die einzelnen Komponenten der Systemkonfiguration testen ist unterschiedlich – von der Art die Spannung zu regeln und zu tweaken* gar nicht erst zu sprechen.
Ich persönlich bin ein Fan der sogenannten „Zone Method“: Grundsätzlich beginne ich beim Overclocking damit, einige Kombinationen von Frequenzen und Spannungen zu finden, die stabil laufen. Jede dieser Kombinationen bildet einen Bereich, von dem aus man mit dem Tweaken beginnen kann. Die Zahl der veränderten Einstellungen sollte möglichst gering sein in jedem Bereich, so dass man einen guten Überblick behält über die Systemkonfiguration. Zu viele Veränderungen führen dazu, dass der nächste Tweak-Anlauf sehr kompliziert wird. Das ist auch die Methode gewesen, mit der Thomas und ich bei den GOOC-Contests erfolgreich waren: Innerhalb kürzester Zeit haben wir die sichere Einstellung gefunden, von der aus wir austesten konnten, wohin uns zusätzliche Kühlleistung und ein Mehr an Spannung führt.
*Tweaken bezeichnet die Feineinstellung.
E: Welche Komponenten sind am wichtigsten für das Overclocking?
M: Am wichtigsten ist das Glück! Das ist kein Scherz. Glück ist tatsächlich ein maßgeblicher Faktor beim Overclocking. Es ist kein Geheimnis, dass bestimmte Samples sich besser für Overclocking eignen als andere. Aber auch wenn viele Leute nach einem Contest das Glück als entscheidenden Faktor hervorheben, bin ich überzeugt, dass Hardware sich nicht selbst übertakten kann. Mit anderen Worten: Selbst wenn du das beste Sample der Welt hast, bringt es dir nichts, wenn du keine Ahnung vom Overclocken hast.
Abgesehen davon glaube ich, dass es immer wichtiger wird, eine gute CPU zu haben – insbesondere wenn du herausragende Benchmarks erzielen möchtest. Deine Konfiguration ist nur so gut wie die schwächste Komponente. Ist die Grafikkarte schwach, dann ist sie die entscheidende Komponente für den Overclocking-Contest.
E: Besteht ein Unterschied zwischen einer Intel- und einer AMD-CPU? Welche CPU ist die richtige fürs Overclocking? Welche Grafikkarte würdest du empfehlen?
M: Für Extremoverclocker gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen AMD- und Intel-CPU: Die aktuellen AMD besitzen das sogenannte „Coldbug“-Feature nicht. Es verhindert, dass die CPU unterhalb einer bestimmten Temperatur arbeitet. Das heißt, du kannst AMD-Prozessoren herabkühlen auf unter -200°C (zum Beispiel mit flüssigem Helium). Dagegen haben die aktuellen Intel-CPU ihre Grenze bei etwa -100°C. Die Temperatur muss also ständig kontrolliert werden, um das System stabil zu halten. Obwohl die Leistung des aktuellen Phenom-II-Prozessor nicht schlecht ist, würde ich einen guten Core-i7 dem Phenom-II vorziehen. Ein gutes Sample liefert bis zu 5 Ghz bei einfacher Kühlung (ca. -35°C). Das ist genug, um einige ordentliche Resultate zu erzielen. Wie auch immer – für unterschiedliche Benchmarks kann man unterschiedliche Plattformen nutzen, um die höchsten Scores zu erzielen. Eine gut übertaktete E8600 ist immer noch Gold wert in Benchmarks wie SuperPI oder Aquamark.
Für diejenigen, die flüssigen Stickstoff zum ersten Mal einsetzen, würde ich einen Phenom-II empfehlen. Denjenigen, die schnell gute Benchmarks erzielen wollen, würde ich zu einem i7 raten. Wer sich nicht zu schade ist, hart zu arbeiten, für den ist eine E8600 die beste Wahl.
Für High-end-Scores bieten nur die schnellsten GPU die Power, um unter den Top-Overclockern mitzuspielen. Dank HWBot.org macht es aber ebenso viel Spaß mit Mittelklasse-Grafikkarten anzutreten. Im Grunde kann man jede Grafikkarte nutzen. Das ermöglicht selbst Usern mit schmalem Budget den Einstieg ins Overclocking. Es macht sogar ziemlich viel Spaß, Low-end-Grafikkarten zu übertakten: Ich habe zum Beispiel kürzlich mit einer 9500GT mit modifizierter Spannungsregelung erfolgreich am Online-Overclocking-Wettbewerb von HWBot.org teilgenommen.
E: Kann man bereits vor Beginn eines Overclocking-Contests einen Unterschied erkennen im Overclocking-Potential der Grafikkarten und CPU?
M: Ah, das ist eine sehr interessante Frage, denn einige Teilnehmer des GOOC haben sich über schlechte Samples beschwert, die den Wettbewerb und speziell das Ranking durcheinander gebracht hätten. Ich weiß, dass einer der Gigabyte-Mitarbeiter jeden der 965 Prozessoren auf seine Overclocking-Qualität getestet und die Taktfrequenz der CPU verglichen hat. Das war sicherlich eine ziemlich stressige Aufgabe, wenn man bedenkt, dass er vor jedem Event 20 Samples und mehr testen musste. Es ist unglaublich schwer 15 Samples zu finden, die exakt das gleiche Overclocking-Potential besitzen, denn jedes einzelne reagiert unterschiedlich auf Temperatur und Spannung. Außerdem gibt es bestimmte Samples, bei denen die interne Speichersteuerung eine höhere RAM-Taktfrequenz ermöglicht. Zusätzlich müssten vor jedem Wettbewerb alle Grafikkarten und Speicher getestet werden. Das ist praktisch unmöglich.
Aus meiner Sicht gewinnt bei den Live-Contests ein weiterer Faktor an Bedeutung: Es spielen nicht nur die Overclocking-, Modding- und Tweaking-Fähigkeiten eines Overclockers eine Rolle, sondern auch die Zeitbeschränkung. Das ist ganz anders als das Overclocken daheim und macht den Reiz der Live-Events aus. So ist es jedenfalls bei mir.
Wenn man sich zu Hause mit Overclocking beschäftigt, ist es schon manchmal ganz interessant das Stepping* einer CPU zu überprüfen. Mit bestimmten Batches (Seriennummern) kannst du deine Chancen steigern, gute Benchmarks zu setzen.
* Stepping bezeichnet die Qualitätsunterschiede bei Prozessoren, die durch unterschiedliche Reinheits- und Gütegrade der verwendeten Materialien entstehen.
E: Um das richtige Netzteil für Overclocking zu finden, welche technischen Features und Leistungsdaten sind wichtig?
M: Der wichtigste Faktor bei der Wahl eines Netzteils ist die Stabilität: Wenn das Netzteil nicht stabil läuft, ist es sehr schwer, hohe Taktfrequenzen und Highscores zu erzielen. Das heißt man sollte darauf achten, wie hoch die Amperezahl der einzelnen Spannungsschienen ist und wie viele unterschiedliche Schienen das Netzteil besitzt. Darüber hinaus ist es besser auf ein modulares Netzteil zurückzugreifen, denn dann schließt du nur die Kabel an, die du wirklich brauchst und hast einen ordentlichen Arbeitsplatz.
E: Wir haben gesehen, dass die Overclocker während der Setup-Phase viele Einstellungen am BIOS vorgenommen haben. Welche Einstellungen muss ich überprüfen oder ändern?
M: Beim Core i7 gibt es einige grundsätzliche Einstellungen, die man im Vorfeld konfigurieren sollte, um ein gutes Ergebnis zu erreichen: Temperatur, vcore, QPI/DRAM (CPU VTT), QPI PLL and vdimm*. Die vcore-Einstellung hat wahrscheinlich die größte Bedeutung, denn sie entscheidet, wie weit man am Ende gehen kann. Grundsätzlich ist es wichtig zu wissen, bei welcher Spannung die CPU am stabilsten läuft und ob du höhere Taktfrequenzen erreichst, wenn du mehr Spannung hineingibst. Beim Core i7 hat jede CPU unterschiedliche „Sweetspot“** für die vcore. Zum Beispiel läuft meine CPU zu Hause bei 1,488 V oder 1,52 V ordentlich, erreicht die beste CPU-Leistung aber bei 1,6 V oder sogar 1,65 V. Die QPI/DRAM-Spannung ist von Bedeutung, wenn du die vdimm über 1,65 V schrauben möchtest: Die vdimm sollte identisch oder niedriger als die QPI/DRAM +0,5V sein. Außerdem hilft die QPI/DRAM beim Erreichen einer höheren Taktfrequenz.
* vcore: Kernspannung (Core Voltage); QPI/DRAM (CPU VTT): Spannung der CPU-Busse; QPI PLL: Taktfrequenz des Prozessors; vdimm: DRAM-Versorgungsspannung
** Sweetspot: der Bereich, in dem die CPU optimal arbeitet
E: Wie bereitest du die Systemkomponenten auf die extremen Overclocking-Bedingungen vor? Warum muss man zum Beispiel die CPU mit Dichtungsmasse isolieren?
M: Das größte Problem beim Extreme Overclocking – und Extreme Cooling – ist, dass die Temperatur der Komponenten unter die Umgebungstemperatur sinkt. Dadurch entsteht Kondenswasser, das zu einem Kurzschluss führen kann und beinahe alle Hardware-Komponenten umbringen würde. Deshalb verhindert man durch die Isolierung der Hardware, dass das Kondenswasser einen Kontakt zwischen zwei elektrischen Punkten herstellen kann. Dazu nutzt man Plastik-Spray, Armaflex (Isolierschaum), Vaseline oder Knetgummimasse. Einige haben sogar Backmehl ausprobiert. Ich selbst bevorzuge eine Schicht aus Plastik-Spray und Papiertüchern. Dadurch konnte ich die Kondenswasserbildung am besten eindämmen. Darüber hinaus erleichtert es die spätere Reinigung.
E: Es gibt viele Overclocking-Softwareprogramme. Welche Programme sind die wichtigsten und wie funktionieren sie?
M: Es gibt nur wenige Programme, die ich wirklich zum Overclocken nutze. Setfsb und Rivatuner sind meine Favoriten. Setfsb ist ein sehr einfach zu bedienendes Softwareprogramm, was hilft, die Taktfrequenz des FSB* (oder BCLK** im Fall des i7) aus dem Stand zu verändern. Dank des einfachen Aufbaus führt es nur sehr selten zu Systemabstürzen. Rivatuner nutze ich wegen der einfachen Bedienung zum Overclocken der Grafikkarte.
Neue Motherboards wie das Asus Rampage (2) Extreme oder das MSI 790FX-GD70 bieten ein integriertes Hardware-Feature, mithilfe dessen man die Taktfrequenz tunen kann. Wenn es gut genug läuft, würde ich es einem Softwareprogramm vorziehen.
* FSB = Front Side Bus: Schnittstelle zwischen CPU und Northbridge, der Verbindung zu anderen Komponenten.
** BCLK = Base Clock: Reguliert die Taktfrequenz bei i7-Prozessoren.
E: Die richtige Kühlung spielt eine Hauptrolle beim Overclocking. Hast du eine Strategie oder spezielle Tricks um die bestmögliche Kühlung zu erreichen während eines Contests?
M: Die größte Herausforderung bei Live-Overclocking-Contests ist das Zeitlimit, das wenig Raum für Fehler lässt. Im Grunde halten wir durch die Kühlung mit flüssigem Stickstoff zu Beginn eine Temperatur um etwa 20°C. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie mit Luftkühlung. In dieser Phase testen wir alle Komponenten – abgesehen von der CPU – auf Ihr Overclocking-Potential und tweaken das Betriebssystem für den bestmöglichen Leistungsoutput. Erst wenn wir wissen, dass alles bereit ist für Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, senken wir die Temperatur weiter ab.
Bei Intel-Prozessoren ist es wichtig, die „Coldbug“- und „Coldboot“-Grenze* auszumachen. Ich verbringe jedoch nicht zu viel Zeit damit, herauszufinden, wie tief ich kühlen kann, denn das erkennst du meist sowie erst während der Overclocking-Session. Ich starte normalerweise bei etwa -100°C und versuche während des Overclockens die Temperatur zu senken. Du findest nicht immer den „Coldbug“. Allerdings wussten wir beim GOOC-Contest in Prag ganz genau, dass die CPU in der Lage war, -125°C zu meistern. Aber wir sind nicht unter diesen Wert gegangen.
*Die Coldbug- und Coldboot-Funktionen verhindern, dass die CPU unterhalb einer bestimmten Temperatur arbeitet.
E: Ist es möglich auch herausragende Benchmarks zu erzielen ohne flüssigen Stickstoff zu nutzen? Was würdest du einem Overclocking-Anfänger empfehlen, um die bestmögliche Kühlungsleistung zu erzielen?
M: Es ist auf alle Fälle möglich, aber nicht so einfach. Es hängt viel von der Prozessorplattform ab, die du nutzt: Wenn du einen i7 nutzt, ist es nicht unmöglich 4,5 Ghz mit Luftkühlung zu erreichen. Das wäre dann eine ordentliche Grundlage für Highscores. Mit dem Phenom II dagegen erreicht man die höchsten Taktraten mit flüssigem Stickstoff. Ohne sind 6 Ghz und damit Topscores nicht möglich.
Für Anfänger würde ich Trockeneis empfehlen. Das bringt Temperaturen um -78°C, was auf alle Fälle besser ist als einfache Luft- oder Wasserkühlung. Damit hat man ein ordentliches Overclocking-Potenzial und erreicht die richtigen Temperaturen. Auf alle Fälle erfordert Trockeneis weniger Aufmerksamkeit als das Kühlen mit flüssigem Stickstoff. Dabei kann man als Anfänger viele Fehler begehen. Wenn man das erste Mal mit flüssigem Stickstoff arbeitet, würde ich empfehlen, einen Wettkampf zu wählen, bei dem jemand dabei ist, der schon erfahren ist und die Schwierigkeiten und Grundprinzipien des Overclockens mit flüssigem Stickstoff erklären kann.
E: Enermax ist Sponsor des GOOC 2009 und liefert mit dem Hochleistungsnetzteil Revolution85+ die Power für die Teilnehmer. Wie hat dir das Netzteil gefallen? Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Vorteile des Enermax-Netzteils?
M: Beim Overclocking möchte ich so viel Zeit wie möglich mit dem System selbst verbringen und so wenig Zeit wie möglich mit anderen Dingen. Daher ist es sehr wichtig, ein Netzteil zu haben, von dem ich mit Sicherheit sagen kann, dass es stabil läuft und die Leistung bringt, die ich brauche. Wie das Netzteil konstruiert wurde und wie effizient es arbeitet, ist dagegen weniger wichtig beim Overclocking. Eine interessante Anmerkung ist vielleicht, dass die Enermax-Netzteile, die beim GOOC zum Einsatz kamen, mit modularem Kabelmanagement ausgestattet sind. Das vereinfacht das Arbeiten mit ihnen, denn es ist möglich nur die Kabel anzuschließen, die du wirklich brauchst. Das macht das Setup viel übersichtlicher. Da wir mit dem Revolution85+ null Probleme hatten beim GOOC, fällt meine Bewertung äußerst positiv aus.
E: Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, uns die Kunst des Overclockens ein wenig näher zu bringen. Wir wünschen dir viel Erfolg beim World Final in Taiwan!